„Eines Tages kam unsere Tochter aus der Schule und erzählte von Kindern, die das Wort ‚Jude‘ als Schimpfwort benutzen. Ich gebe zu, ich habe ihr zuerst nicht glauben wollen.“
Die Zeilen stammen aus meinem Roman „Aga“.
Er handelt vom Verschwinden und Wiederfinden. Was verschwindet, ist der Name eines Kindes. Die Familie flieht vor einer antisemitischen Kampagne — von Polen über Israel nach Deutschland. Der Vater meldet die Tochter an der deutschen Schule mit einem deutschen Namen an. Um sie zu schützen. Es dauert lange, bis sie das versteht. Ihre Geschichte kann sie erst erzählen, als sie jemanden findet, der sich wirklich dafür interessiert.
„Aga“ erzählt, was es hieß, im Westdeutschland der 70er und 80er Jahre als Kind eines Überlebenden der Shoah aufzuwachsen. Vom Schweigen in den Familien. Von der Vorsicht der Eltern. Von merkwürdigen Reaktionen der Umwelt. Davon, was sich unter einem deutschen Namen verbergen ließ — und was nicht.
Ich freue mich darauf, den Roman in der Synagoge in Unna vorzustellen:
„Aga ist eine Erzählung über Sprache. Eine Sprache für das Schweigen und eine Sprache nach dem Schweigen. Das Schweigen nach der Shoa, ein Schweigen, das wie ein schallisolierendes Filzvlies auf der nächsten Generation liegt.
Agnieszka Lessmann hat mit ihrem Debütroman Aga ein vielschichtiges und vielstimmiges Werk vorgelegt. In der Genauigkeit, mit der sie die Sätze komponiert, erkennt man die Lyrikerin, in den genauen Dialogen die Hörspielautorin mit feinem Gespür für Wortwitz und Dramaturgie. Denn dieses Buch ist auch spannend, humorvoll und leicht.“
Anke Glasmacher in der Literaturzeitschrift „Am Erker“, Nr. 90 , 2026.
Der Salon Freiraum in Köln-Sülz ist ein Ort, dem ich in besonderer Weise verbunden bin: Dort hat mein erster Lyrikband „Fluchtzustand“ seine Premiere gefeiert, gemeinsam mit Anke Glasmachers Band „Ein morsches Licht“. Nun bin ich zurückgekehrt ich – nicht mit Lyrik, sondern mit Prosa.
Anke Glasmacher hat den Abend moderiert. Wir haben darüber gesprochen, ob autofiktionales Schreiben den Rau enger mache und wie ich entscheide, welcher Textimpuls zum Hörspiel und welcher zum Roman wird.
Der Freiraum ist kein Veranstaltungsort im üblichen Sinn: Galerie, Podium, Salon – das Kölner Veedel Sülz hat hier seit Jahren einen Raum, in dem Kunst nicht dekoriert, sondern verhandelt wird.
Selbstgebastelte Papierschiffchen und Osterglocken – an einem so liebevoll dekorierten Tisch habe ich noch nie gelesen. Und nicht nur das Ambiente, auch die Stimmung im Köttinger Dorfladen war aufmerksam und zugewandt, als ich dort an diesem frühen Frühlingsabend meinen Roman „Aga“ vorstellte.
Zwischen den Lesungsblöcken schilderte Simone Scharbert ihre Leseeindrücke, was auch für mich eine Bereicherung war. Wie sehr meine Texte immer wieder von konkreten Gegenständen ausgehen und dadurch die eigenen Erinnerungen des Lesenden oder Zuhörenden aufzurufen vermögen, beobachtete sie etwa. Und im gemeinsamen Gespräch mit dem Publikum erschlossen wir auch die Wirkung der Kinderperspektive. Was Aga nicht weiß, fügt der oder die erwachsene Lesende aus der eigenen Erinnerung hinzu und gestaltet so die Romanhandlung mit. Das ermöglicht jedem und jeder Einzelnen in der Imagination auch der schmerzlichen und der schrecklichen Passagen gerade nur so weit zu gehen, wie man es auch erträgt.
Als Lyrikerin sprachen Simone Scharbert besonders Agas poetisch-philosophische Reflexionen über das Sprachenlernen an. So wünschte sie sich zum Abschluss der Lesung eine Zugabe daraus. Mich wiederum beglückte, dass sich das Publikum trotz der Ernsthaftigkeit des Themas immer wieder auch zu einem Lächeln oder gar Lachen anregen ließ.
Rund um die Lesung lernte ich zudem, dass der Köttinger Dorfladen kein Bioladen ist, als der er auf den ersten Blick erscheint, sondern ein gemeinnütziger Verein. Seine Mitglieder haben sich die Schaffung eines sozialen und kulturellen Treffpunktes zur Aufgabe gemacht. Es gibt dort also nicht nur Lebensmittel, Kaffee und Mittagstisch, sondern auch ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm.
Mich erinnerte das Konzept an die Besuche bei meiner Großtante in einem Vorort von Tel Aviv. Wenn sie mich auf ihre tägliche Tour zu Bäcker, Metzger und Gemischtwarenladen mitnahm, konnte das Stunden dauern, weil sie in jedem Laden wieder weitere Freundinnen traf. Ich war damals ein Kind und habe nicht darüber nachgedacht, wie wertvoll das ist. An diesem Abend in Erftstadt schon.
Ich freue mich sehr über die Einladung zur Kulturwoche in Erftstadt. Kommenden Montag, den 23. März 2026 werde ich dort um 19 Uhr mit meinem Roman „Aga“ im Köttinger Dorfladen zu Gast sein. Der Eintritt ist frei.
Eine besondere Freude ist es für mich auch, dass die Autorin Simone Scharbert meine Gastgeberin sein wird. In ihren Texten widmet sie sich immer wieder den Biografien von Frauen, die sich mit diskriminierenden Zuschreibungen auseinandersetzen mussten. Ich bin gespannt auf unser Gespräch über „Aga“, über die gesellschaftlichen Hintergründe des Romans und vielleicht auch über das Schreiben selbst.
Veranstaltet wird der Abend vom Verein Köttinger Dorfleben im Rahmen der Kulturwoche, mit der das Netzwerk „kult-ig“ sein zehnjähriges Bestehen feiert.
Ein Reisepass war etwas Wertvolles. Polen war Teil des „Ostblocks“ und damit de facto unter sowjetischer Herrschaft. Reisen zum „Klassenfeind“, Ausreisen gar in den kapitalistischen Westen waren nicht gern gesehen. Dass meinen Eltern Anfang des Jahres 1967 ein Besuch bei Verwandten in Paris und London erlaubt wurde, war etwas Besonderes. Mein Vater sollte ihn nutzen, um seine polnischen Leser über die miserable Lage der Arbeiter in Frankreich und England aufzuklären. Meine Eltern spazierten am Seine-Ufer entlang, bummelten durch die Carnaby-Street und mein Vater schrieb Reportagen über das quirlige Leben in den Pariser Cafés und die boomende Einkaufsstraße in London. Offenbar war das möglich und von Sanktionen hat er nichts erzählt. Diese Reise in den Westen allerdings durften meine Eltern nur antreten, weil sie mich bei meiner Oma in Polen zurückließen. Ich war zwei Jahre alt und hätte von Paris und London wahrscheinlich sowieso nicht viel behalten, aber das war nicht der Grund. Ich musste zurückbleiben, damit meine Eltern nicht etwa auf die Idee kamen, die polnische Volksrepublik für immer zu verlassen.
Nur anderthalb Jahre später drängte man sie dazu. Mein Vater verlor seine Stelle, und die Zeitung, bei der er eben noch das Wirtschaftsressort geleitet hatte, bezeichnete ihn als „Staatsverräter“. Nicht etwa wegen der fehlenden Reportage über die miserable Lage der französichen und englischen Arbeiter. Er wurde verleumdet und aus seiner Heimat vertrieben, weil er Jude war.
Wie mehr als 13.000 weitere Menschen „jüdischer Abstammung“ verließen meine Eltern und ich Polen mit einem ganz besonderen Reisedokument. Es erlaubte die Ausreise aus Polen „in alle Länder Europas und außerhalb Europas“. Und nicht nur das. Auf der zweiten Seite, unter dem Namen, dem Geburtsdatum und dem Wohnort findet man den entscheidenden Vermerk: „Der Inhaber dieses Reisedokument ist kein polnischer Staatsbürger“.
Meine Mutter hat mir von dem Schock erzählt, den sie in diesem Amtszimmer erlebte, als der Beamte ihr das fertige Dokument aushändigte. „Aber“, sagte sie und biss sich auf die Lippe, um nicht zu schreien und nicht zu weinen.
Sie weinte dann die gesamte Zugfahrt von Warschau nach Wien. Mein Vater behauptete mir gegenüber, sie habe Bauchschmerzen. Ich war vier Jahre alt und freundete mich mit den Mitreisenden an. Irgendwie hatte ich aufgeschnappt, dass alle Juden waren. Ich hörte das Wort „żyd“ zum ersten Mal und es gefiel mir so gut, dass ich von einem zum nächsten ging und alle fragte, ob sie Juden seien. Alle nickten. Ich durfte das Abteil alleine nicht verlassen. Aber wenn ich alle Passagiere dieses Sonderzuges hätte fragen können, hätten sie alle genickt. Jeder hatte dasselbe Reisedokument. Und jeder hatte exakt sieben Dollar in der Tasche. Sieben Dollar pro Kopf, mehr durfte man nicht mitnehmen. Westgeld war wertvoll.
An der polnisch-tschechischen Grenze wurde der Zug durchsucht. Meine Eltern mussten unsere Koffer öffnen. Dann musste ich meinen Mantel ausziehen. Es war ein hellblauer Teddyfellmantel, meine Eltern hatten ihn mir aus London mitgebracht. Das weiß ich so genau, weil meine Großtante in Tel Aviv später einen Teddy daraus genäht hat. Als Mantel taugte er nicht mehr viel, nachdem der Grenzbeamte in diesem Zug ihn zerrissen hatte. Das war im November 1968.
Der Zug fuhr nach Wien. Dort gab es ein Auffanglager. In Wien ging mein Vater zur israelischen Botschaft. Wir bekamen israelische Pässe und drei Flugtickets. In Israel blieben wir nicht lange. Wir gingen nach Deutschland.
Vom Aufwachsen in Deutschland nach der Vertreibung aus Polen handelt mein Roman „Aga“. Zu der antisemitischen Kampagne des Jahres 1968 gibt es einen eigenen Beitrag in meinem Blog.