Ein Roman über das Schweigen nach der Shoah, und eine Geschichte darüber, was nötig ist, um es zu überwinden.
Lesung & Gespräch
Dienstag, 28. April 2026
20 Uhr
Eintritt frei
Buchladen Schwarze Risse
Gneisenaustr. 2a
Berlin Kreuzberg
Beiträge zum Roman „Aga“

Ein Roman über das Schweigen nach der Shoah, und eine Geschichte darüber, was nötig ist, um es zu überwinden.
Lesung & Gespräch
Dienstag, 28. April 2026
20 Uhr
Eintritt frei
Buchladen Schwarze Risse
Gneisenaustr. 2a
Berlin Kreuzberg

Der Salon Freiraum in Köln-Sülz ist ein Ort, dem ich in besonderer Weise verbunden bin: Dort hat mein erster Lyrikband „Fluchtzustand“ seine Premiere gefeiert, gemeinsam mit Anke Glasmachers Band „Ein morsches Licht“. Nun bin ich zurückgekehrt ich – nicht mit Lyrik, sondern mit Prosa.
Anke Glasmacher hat den Abend moderiert. Wir haben darüber gesprochen, ob autofiktionales Schreiben den Rau enger mache und wie ich entscheide, welcher Textimpuls zum Hörspiel und welcher zum Roman wird.

Der Freiraum ist kein Veranstaltungsort im üblichen Sinn: Galerie, Podium, Salon – das Kölner Veedel Sülz hat hier seit Jahren einen Raum, in dem Kunst nicht dekoriert, sondern verhandelt wird.

Selbstgebastelte Papierschiffchen und Osterglocken – an einem so liebevoll dekorierten Tisch habe ich noch nie gelesen. Und nicht nur das Ambiente, auch die Stimmung im Köttinger Dorfladen war aufmerksam und zugewandt, als ich dort an diesem frühen Frühlingsabend meinen Roman „Aga“ vorstellte.
Zwischen den Lesungsblöcken schilderte Simone Scharbert ihre Leseeindrücke, was auch für mich eine Bereicherung war. Wie sehr meine Texte immer wieder von konkreten Gegenständen ausgehen und dadurch die eigenen Erinnerungen des Lesenden oder Zuhörenden aufzurufen vermögen, beobachtete sie etwa. Und im gemeinsamen Gespräch mit dem Publikum erschlossen wir auch die Wirkung der Kinderperspektive. Was Aga nicht weiß, fügt der oder die erwachsene Lesende aus der eigenen Erinnerung hinzu und gestaltet so die Romanhandlung mit. Das ermöglicht jedem und jeder Einzelnen in der Imagination auch der schmerzlichen und der schrecklichen Passagen gerade nur so weit zu gehen, wie man es auch erträgt.

Als Lyrikerin sprachen Simone Scharbert besonders Agas poetisch-philosophische Reflexionen über das Sprachenlernen an. So wünschte sie sich zum Abschluss der Lesung eine Zugabe daraus. Mich wiederum beglückte, dass sich das Publikum trotz der Ernsthaftigkeit des Themas immer wieder auch zu einem Lächeln oder gar Lachen anregen ließ.
Rund um die Lesung lernte ich zudem, dass der Köttinger Dorfladen kein Bioladen ist, als der er auf den ersten Blick erscheint, sondern ein gemeinnütziger Verein. Seine Mitglieder haben sich die Schaffung eines sozialen und kulturellen Treffpunktes zur Aufgabe gemacht. Es gibt dort also nicht nur Lebensmittel, Kaffee und Mittagstisch, sondern auch ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm.
Mich erinnerte das Konzept an die Besuche bei meiner Großtante in einem Vorort von Tel Aviv. Wenn sie mich auf ihre tägliche Tour zu Bäcker, Metzger und Gemischtwarenladen mitnahm, konnte das Stunden dauern, weil sie in jedem Laden wieder weitere Freundinnen traf. Ich war damals ein Kind und habe nicht darüber nachgedacht, wie wertvoll das ist. An diesem Abend in Erftstadt schon.


Ich freue mich sehr über die Einladung zur Kulturwoche in Erftstadt. Kommenden Montag, den 23. März 2026 werde ich dort um 19 Uhr mit meinem Roman „Aga“ im Köttinger Dorfladen zu Gast sein. Der Eintritt ist frei.
Eine besondere Freude ist es für mich auch, dass die Autorin Simone Scharbert meine Gastgeberin sein wird. In ihren Texten widmet sie sich immer wieder den Biografien von Frauen, die sich mit diskriminierenden Zuschreibungen auseinandersetzen mussten. Ich bin gespannt auf unser Gespräch über „Aga“, über die gesellschaftlichen Hintergründe des Romans und vielleicht auch über das Schreiben selbst.
Veranstaltet wird der Abend vom Verein Köttinger Dorfleben im Rahmen der Kulturwoche, mit der das Netzwerk „kult-ig“ sein zehnjähriges Bestehen feiert.
Mehr Informationen zur Veranstaltung gibt es unter diesem Link: https://kult-ig.de/2026/01/01/kulturwoche-agnieszka-lessmann-aga-23-3-26-19-uhr/
kommende Lesungen „Aga“

Ein Reisepass war etwas Wertvolles. Polen war Teil des „Ostblocks“ und damit de facto unter sowjetischer Herrschaft. Reisen zum „Klassenfeind“, Ausreisen gar in den kapitalistischen Westen waren nicht gern gesehen. Dass meinen Eltern Anfang des Jahres 1967 ein Besuch bei Verwandten in Paris und London erlaubt wurde, war etwas Besonderes. Mein Vater sollte ihn nutzen, um seine polnischen Leser über die miserable Lage der Arbeiter in Frankreich und England aufzuklären. Meine Eltern spazierten am Seine-Ufer entlang, bummelten durch die Carnaby-Street und mein Vater schrieb Reportagen über das quirlige Leben in den Pariser Cafés und die boomende Einkaufsstraße in London. Offenbar war das möglich und von Sanktionen hat er nichts erzählt. Diese Reise in den Westen allerdings durften meine Eltern nur antreten, weil sie mich bei meiner Oma in Polen zurückließen. Ich war zwei Jahre alt und hätte von Paris und London wahrscheinlich sowieso nicht viel behalten, aber das war nicht der Grund. Ich musste zurückbleiben, damit meine Eltern nicht etwa auf die Idee kamen, die polnische Volksrepublik für immer zu verlassen.
Nur anderthalb Jahre später drängte man sie dazu. Mein Vater verlor seine Stelle, und die Zeitung, bei der er eben noch das Wirtschaftsressort geleitet hatte, bezeichnete ihn als „Staatsverräter“. Nicht etwa wegen der fehlenden Reportage über die miserable Lage der französichen und englischen Arbeiter. Er wurde verleumdet und aus seiner Heimat vertrieben, weil er Jude war.
Wie mehr als 13.000 weitere Menschen „jüdischer Abstammung“ verließen meine Eltern und ich Polen mit einem ganz besonderen Reisedokument. Es erlaubte die Ausreise aus Polen „in alle Länder Europas und außerhalb Europas“. Und nicht nur das. Auf der zweiten Seite, unter dem Namen, dem Geburtsdatum und dem Wohnort findet man den entscheidenden Vermerk: „Der Inhaber dieses Reisedokument ist kein polnischer Staatsbürger“.

Meine Mutter hat mir von dem Schock erzählt, den sie in diesem Amtszimmer erlebte, als der Beamte ihr das fertige Dokument aushändigte. „Aber“, sagte sie und biss sich auf die Lippe, um nicht zu schreien und nicht zu weinen.
Sie weinte dann die gesamte Zugfahrt von Warschau nach Wien. Mein Vater behauptete mir gegenüber, sie habe Bauchschmerzen. Ich war vier Jahre alt und freundete mich mit den Mitreisenden an. Irgendwie hatte ich aufgeschnappt, dass alle Juden waren. Ich hörte das Wort „żyd“ zum ersten Mal und es gefiel mir so gut, dass ich von einem zum nächsten ging und alle fragte, ob sie Juden seien. Alle nickten. Ich durfte das Abteil alleine nicht verlassen. Aber wenn ich alle Passagiere dieses Sonderzuges hätte fragen können, hätten sie alle genickt. Jeder hatte dasselbe Reisedokument. Und jeder hatte exakt sieben Dollar in der Tasche. Sieben Dollar pro Kopf, mehr durfte man nicht mitnehmen. Westgeld war wertvoll.
An der polnisch-tschechischen Grenze wurde der Zug durchsucht. Meine Eltern mussten unsere Koffer öffnen. Dann musste ich meinen Mantel ausziehen. Es war ein hellblauer Teddyfellmantel, meine Eltern hatten ihn mir aus London mitgebracht. Das weiß ich so genau, weil meine Großtante in Tel Aviv später einen Teddy daraus genäht hat. Als Mantel taugte er nicht mehr viel, nachdem der Grenzbeamte in diesem Zug ihn zerrissen hatte. Das war im November 1968.
Der Zug fuhr nach Wien. Dort gab es ein Auffanglager. In Wien ging mein Vater zur israelischen Botschaft. Wir bekamen israelische Pässe und drei Flugtickets. In Israel blieben wir nicht lange. Wir gingen nach Deutschland.
Vom Aufwachsen in Deutschland nach der Vertreibung aus Polen handelt mein Roman „Aga“. Zu der antisemitischen Kampagne des Jahres 1968 gibt es einen eigenen Beitrag in meinem Blog.


Vom „Danziger Bahnhof“ (dworzec Gdański) in Warschau aus verließen in Folge der antisemitischen Kampagne der polnischen Regierung im Jahr 1968 15.000 Polen jüdischer Herkunft Polen. Sie verließen das Land, in dem sie geboren worden waren und das sie für ihre Heimat gehalten hatten – eine Illusion. Es waren zumeist Menschen, die sich selbst in erster Linie nicht als Juden, sondern als Polen bezeichnet hatten, viele von ihnen waren nicht religiös, einigen war ihre jüdische Herkunft nicht einmal bewusst. Die polnische Regierung definierte die „Zionisten“, die sie kurzerhand zu Staatsfeinden erklärte, nach den Kriterien der Nürnberger Rassegesetze, wie Włodzimierz Borodziej in seiner „Geschichte Polens im 20. Jahrhundert“ (C.H.Beck) schreibt.
Viele hatten durch die Shoah ihre Angehörigen verloren, hatten selbst Ghettos und Konzentrationslager überlebt und hatten es nicht nur geschafft zu überleben, sondern sich auch eine erfolgreiche Existenz aufzubauen, eine Familie, einen Freundeskreis. So auch mein Vater, der nur ein Jahr zuvor sein Debüt veröffentlicht hatte, einen mit sehr viel Sorgfalt recherchierten historischen Roman über seine Heimatstadt Łódź – die Stadt, die er liebte und die das einzige war, was von seiner Kindheit übrig geblieben war. Als er im Jahr 1956 Gelegenheit hatte, nach Israel auszuwandern, entschied er sich bewusst zu bleiben.
Die antisemitische Kampagne war die Antwort der regierenden kommunistischen Partei auf die Proteste von Studierenden, die als „März 68“ in die polnische Geschichtsschreibung eingegangen sind. Den Protestierenden ging es um die Absetzung des Theaterstücks „Dziady“ (in deutscher Fassung „Totenfeier“) des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, die sie als staatliche Zensur ablehnten. Einige von ihnen mögen tatsächlich Juden gewesen sein, keineswegs aber waren „die Zionisten“ für die Proteste verantwortlich, wie die Regierung behauptete. In einer groß angelegten Kampagne wurden Hunderte von Amtsträgern und Generälen, Wissenschaftlern, Ärzten, Juristen und Journalisten entlassen. Meinem Vater wurde gesagt, dass er in Polen nicht mehr als Journalist arbeiten könne.
Wir verließen Polen im November 1968 in einem der vielen Sonderzüge, die in diesem und dem folgenden Jahr fast alle noch in Polen verbliebenen Juden nach Wien brachten. Dort gab es ein Auffanglager.
„Das Jahr 1968 ist das Jahr der Vertreibung der Juden aus Polen, das Jahr, in dem das als polnisches Judentum bekannte Phänomen endete, und wir sollten uns dessen bewusst sein“, schrieb der Schriftsteller und Schauspieler Henryk Grynberg in der Pariser Exilzeitung „Kultura“.
Ein weiteres Zitat Grynbergs ist auf der Plakette zu lesen, die im Jahr 1998 am Danziger Bahnhof in Warschau angebracht wurde.
„Hier ließen sie mehr zurück, als sie hatten.“
Sie ist denen gewidmet, „die nach dem März 1968 Polen verließen – mit einem Reisedokument für nur eine Richtung“. Dieses Reisedokument war kein Pass, sondern ein Instrument der Ausbürgerung – was das konkret hieß, beschreibe ich im nächsten Beitrag.
Die persönlichen Folgen dieser Vertreibung gehören zum historischen Hintergrund meines Romans „Aga“ , und auch des Gedichtzyklus „Schieferbruchverse“, an dem ich derzeit arbeite, gefördert durch ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds.
Literatur und Links zur antisemitischen Kampagne der polnischen Regierung 1968
Bei haGalil erschien ein Artikel von Gabriele Lesser zu dem Thema.
Die meines Wissens erste Publikation hierzulande war Beate Kosmalas Sammelband, der aus den Beiträgen verschiedener polnischer und deutscher Historiker zu einer Konferenz am 11. und 12. Juni 1998 im Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin besteht:
Beate Kosmala (Hg.): Die Vertreibung der Juden aus Polen 1968. Antisemitismus und politisches Kalkül, Berlin (Metropol Verlag) 2000.
Auf den Seiten des Jüdischen Museums Berlin kann man eine spannende Diskussion zum „März 68“ ansehen:
https://www.jmberlin.de/diskussion-polnische-perspektiven
Zum Antisemitismus in Polen allgemein informiert die Bundeszentrale für politische Bildung:





Ausschau halten nach Publikum musste Adrian Kasnitz nicht, denn das Kölner Theater „die wohngemeinschaft“ war voll – und das Publikum mucksmäuschenstill, bis auf die Lacher an den richtigen Stellen, natürlich. Und bei Peter Rosenthals Prosaband „Donnerstags“ gab es solche genug. Ein Jahr lang schrieb der Arzt und Schriftsteller jeden Donnerstag eine literarische Notiz. Und da er an diesem Tag eine Konsiliarstelle in einer Kölner psychiatrischen Klinik hat, fuhr er an fast jeden Donnerstag dieselbe Strecke, mal mit dem Fahrrad, mal mit der Bahn – aber immer vorbei an dem Baum, in dem die Kölner Sittichkolonie sich bevorzugt niederlässt. „Papageien“ nennt er sie in seinem Journal, und korrigiert sich erst fast am Schluss. Und das gehört zum Konzept, denn es geht um die höchst eigene Perspektive des Schreibenden auf eine Welt, die an diesen Donnerstagen vornehmlich aus Menschen besteht, die auf die ein oder andere Weise aus eben dieser Welt gefallen sind.
Eine eigene Perspektive hat auch Aga, die Hauptfigur meines gleichnamigen Romans, aus dem ich an diesem schönen Kölner Vorkarnevalsabend in der „wohngemeinschaft“ gelesen habe. Ob die Entdeckungen über meine Familiengeschichte weitergehen, fragte mich Adrian anschließend. Und ja, das tun sie, denn der Gedichtband, an dem ich derzeit arbeite, wird nicht nur die archäologische Ausgrabung des Kölner Judenviertels zum Thema haben, sondern in einem zweiten Strang auch die Erkundung eigener Fundstücke aus Archiven und Erzählungen. Wie verändert es die eigene Identität, wenn man unerwartete Tatsachen über die Vorfahren erfährt? Kommenden Herbst wird der Gedichtzyklus „Schieferbruchverse“ im Gans-Verlag erscheinen. Ob Adrian mich damit dann noch einmal in seinen Literaturclub einlädt? Ich würde mich jedenfalls sehr freuen.
Zum Literaturclub lädt der Lyriker Adrian Kasnitz allmonatlich je zwei Autoren oder Autorinnen ein, die nicht nur mit dem Moderator und dem Publikum, sondern auch miteinander ins Gespräch kommen können.
Als Schreibende haben wir uns schon während des Studiums in Köln kennengelernt. „Herr K.“ hat mittlerweile über 15 Lyrikbände vorgelegt und ist zudem nicht nur als Verleger, sondern auch als Übersetzer, Berater, Veranstalter und Literaturvermittler unermüdlich unterwegs. Seit nunmehr 26 Jahren bietet er mit dem unabhängigen Kölner Verlag parasitenpresse „einen sicheren Ort für literarische Wagnisse“, wie es in der Begründung der Jury hieß, die ihm im vorletzten Jahr den Spitzenpreis des Deutschen Verlagspreises zuerkannte.

Das war ein intensiver Lese- und Gesprächsabend im schönen Hoffnungsthal. Da so aufmerksame Publikum hatte nicht nur viele Fragen zum Roman „Aga“ und seinem historischen Hintergrund, viele teilten darüberhinaus eigene Beobachtungen, Erlebnisse und Familiengeschichten. Gastgeber Matthias Buth kam auch auf meine Gedichte zu sprechen, verglich sie mit Giuseppe Ungarettis Lyrik und beschenkte mich mit zwei Texten von Stanisław Jerzy Lec. Blumen vom Vorstand des Philomena-Franz-Forums kamen dazu. So fuhr ich also vielfach bereichert nach Hause.
Seit nunmehr vierzig Jahren lädt der Lyriker und Essayist Matthias Buth zu den Rösrather Literaturgesprächen. Hilde Domin, Erich Loest und Hans Bender gehörten ebenso zu seinen Gästen wie Peter Maiwald, Guy Helminger, Dieter Wellershoff, Norbert Scheuer und viele weitere Autorinnen und Autoren sowie Filmschaffende aus Deutschland, dem Libanon, Griechenland, Peru – die Liste ließe sich lange fortsetzen.
Besonders nachhaltig geprägt hat die Reihe Philomena Franz. Die Sintiza und Auschwitz-Überlebende trat zeitlebens unermüdlich als Zeitzeugin und Autorin auf und wurde 2021 als Ehrenbürgerin der Stadt Bergisch Gladbach gewürdigt. Nach ihr ist die Veranstaltungsreihe seither benannt. Zu einer Lesung im Rahmen des Philomena-Franz-Forums eingeladen worden zu sein, ist mir eine Ehre.