Ein Reisedokument, sieben Dollar und ein hellblauer Teddyfellmantel

Erste Seite polnisches Reisedikument

Ein Reisepass war etwas Wertvolles. Polen war Teil des „Ostblocks“ und damit de facto unter sowjetischer Herrschaft. Reisen zum „Klassenfeind“, Ausreisen gar in den kapitalistischen Westen waren nicht gern gesehen. Dass meinen Eltern Anfang des Jahres 1967 ein Besuch bei Verwandten in Paris und London erlaubt wurde, war etwas Besonderes. Mein Vater sollte ihn nutzen, um seine polnischen Leser über die miserable Lage der Arbeiter in Frankreich und England aufzuklären. Meine Eltern spazierten am Seine-Ufer entlang, bummelten durch die Carnaby-Street und mein Vater schrieb Reportagen über das quirlige Leben in den Pariser Cafés und die boomende Einkaufsstraße in London. Offenbar war das möglich und von Sanktionen hat er nichts erzählt. Diese Reise in den Westen allerdings durften meine Eltern nur antreten, weil sie mich bei meiner Oma in Polen zurückließen. Ich war zwei Jahre alt und hätte von Paris und London wahrscheinlich sowieso nicht viel behalten, aber das war nicht der Grund. Ich musste zurückbleiben, damit meine Eltern nicht etwa auf die Idee kamen, die polnische Volksrepublik für immer zu verlassen.

Nur anderthalb Jahre später drängte man sie dazu. Mein Vater verlor seine Stelle, und die Zeitung, bei der er eben noch das Wirtschaftsressort geleitet hatte, bezeichnete ihn als „Staatsverräter“. Nicht etwa wegen der fehlenden Reportage über die miserable Lage der französichen und englischen Arbeiter. Er wurde verleumdet und aus seiner Heimat vertrieben, weil er Jude war. 

Wie mehr als 13.000 weitere Menschen „jüdischer Abstammung“ verließen meine Eltern und ich Polen mit einem ganz besonderen Reisedokument. Es erlaubte die Ausreise aus Polen „in alle Länder Europas und außerhalb Europas“. Und nicht nur das. Auf der zweiten Seite, unter dem Namen, dem Geburtsdatum und dem Wohnort findet man den entscheidenden Vermerk: „Der Inhaber dieses Reisedokument ist kein polnischer Staatsbürger“.

Meine Mutter hat mir von dem Schock erzählt, den sie in diesem Amtszimmer erlebte, als der Beamte ihr das fertige Dokument aushändigte. „Aber“, sagte sie und biss sich auf die Lippe, um nicht zu schreien und nicht zu weinen.

Sie weinte dann die gesamte Zugfahrt von Warschau nach Wien. Mein Vater behauptete mir gegenüber, sie habe Bauchschmerzen. Ich war vier Jahre alt und freundete mich mit den Mitreisenden an. Irgendwie hatte ich aufgeschnappt, dass alle Juden waren. Ich hörte das Wort „żyd“ zum ersten Mal und es gefiel mir so gut, dass ich von einem zum nächsten ging und alle fragte, ob sie Juden seien. Alle nickten. Ich durfte das Abteil alleine nicht verlassen. Aber wenn ich alle Passagiere dieses Sonderzuges hätte fragen können, hätten sie alle genickt. Jeder hatte dasselbe Reisedokument. Und jeder hatte exakt sieben Dollar in der Tasche. Sieben Dollar pro Kopf, mehr durfte man nicht mitnehmen. Westgeld war wertvoll.

An der polnisch-tschechischen Grenze wurde der Zug durchsucht. Meine Eltern mussten unsere Koffer öffnen. Dann musste ich meinen Mantel ausziehen. Es war ein hellblauer Teddyfellmantel, meine Eltern hatten ihn mir aus London mitgebracht. Das weiß ich so genau, weil meine Großtante in Tel Aviv später einen Teddy daraus genäht hat. Als Mantel taugte er nicht mehr viel, nachdem der Grenzbeamte in diesem Zug ihn zerrissen hatte. Das war im November 1968.

Der Zug fuhr nach Wien. Dort gab es ein Auffanglager. In Wien ging mein Vater zur israelischen Botschaft. Wir bekamen israelische Pässe und drei Flugtickets. In Israel blieben wir nicht lange. Wir gingen nach Deutschland. 

Vom Aufwachsen in Deutschland nach der Vertreibung aus Polen handelt mein Roman „Aga“. Zu der antisemitischen Kampagne des Jahres 1968 gibt es einen eigenen Beitrag in meinem Blog.

Papierschiff

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