
Tafel am Danziger Bahnhof in Warschau
Vom „Danziger Bahnhof“ (dworzec Gdański) in Warschau aus verließen in Folge der antisemitischen Kampagne der polnischen Regierung im Jahr 1968 15.000 Polen jüdischer Herkunft Polen. Sie verließen das Land, in dem sie geboren worden waren und das sie für ihre Heimat gehalten hatten – eine Illusion. Es waren zumeist Menschen, die sich selbst in erster Linie nicht als Juden, sondern als Polen bezeichnet hatten, viele von ihnen waren nicht religiös, einigen war ihre jüdische Herkunft nicht einmal bewusst. Die polnische Regierung definierte die „Zionisten“, die sie kurzerhand zu Staatsfeinden erklärte, nach den Kriterien der Nürnberger Rassegesetze, wie Włodzimierz Borodziej in seiner „Geschichte Polens im 20. Jahrhundert“ (C.H.Beck) schreibt.
Viele hatten durch die Shoah ihre Angehörigen verloren, hatten selbst Ghettos und Konzentrationslager überlebt und hatten es nicht nur geschafft zu überleben, sondern sich auch eine erfolgreiche Existenz aufzubauen, eine Familie, einen Freundeskreis. So auch mein Vater, der nur ein Jahr zuvor sein Debüt veröffentlicht hatte, einen mit sehr viel Sorgfalt recherchierten historischen Roman über seine Heimatstadt Łódź – die Stadt, die er liebte und die das einzige war, was von seiner Kindheit übrig geblieben war. Als er im Jahr 1956 Gelegenheit hatte, nach Israel auszuwandern, entschied er sich bewusst zu bleiben.
Die antisemitische Kampagne war die Antwort der regierenden kommunistischen Partei auf die Proteste von Studierenden, die als „März 68“ in die polnische Geschichtsschreibung eingegangen sind. Den Protestierenden ging es um die Absetzung des Theaterstücks „Dziady“ (in deutscher Fassung „Totenfeier“) des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, die sie als staatliche Zensur ablehnten. Einige von ihnen mögen tatsächlich Juden gewesen sein, keineswegs aber waren „die Zionisten“ für die Proteste verantwortlich, wie die Regierung behauptete. In einer groß angelegten Kampagne wurden Hunderte von Amtsträgern und Generälen, Wissenschaftlern, Ärzten, Juristen und Journalisten entlassen. Meinem Vater wurde gesagt, dass er in Polen nicht mehr als Journalist arbeiten könne.
Wir verließen Polen im November 1968 in einem der vielen Sonderzüge, die in diesem und dem folgenden Jahr fast alle noch in Polen verbliebenen Juden nach Wien brachten. Dort gab es ein Auffanglager.
„Das Jahr 1968 ist das Jahr der Vertreibung der Juden aus Polen, das Jahr, in dem das als polnisches Judentum bekannte Phänomen endete, und wir sollten uns dessen bewusst sein“, schrieb der Schriftsteller und Schauspieler Henryk Grynberg in der Pariser Exilzeitung „Kultura“.
Ein weiteres Zitat Grynbergs ist auf der Plakette zu lesen, die im Jahr 1998 am Danziger Bahnhof in Warschau angebracht wurde.
„Hier ließen sie mehr zurück, als sie hatten.“
Sie ist denen gewidmet, „die nach dem März 1968 Polen verließen – mit einem Reisedokument für nur eine Richtung“. Dieses Reisedokument war kein Pass, sondern ein Instrument der Ausbürgerung – was das konkret hieß, beschreibe ich im nächsten Beitrag.
Die persönlichen Folgen dieser Vertreibung gehören zum historischen Hintergrund meines Romans „Aga“ , und auch des Gedichtzyklus „Schieferbruchverse“, an dem ich derzeit arbeite, gefördert durch ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds.
Literatur und Links zur antisemitischen Kampagne der polnischen Regierung 1968
Bei haGalil erschien ein Artikel von Gabriele Lesser zu dem Thema.
Die meines Wissens erste Publikation hierzulande war Beate Kosmalas Sammelband, der aus den Beiträgen verschiedener polnischer und deutscher Historiker zu einer Konferenz am 11. und 12. Juni 1998 im Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin besteht:
Beate Kosmala (Hg.): Die Vertreibung der Jufen aus Polen 1968. Antisemitismus und politisches Kalkül, Berlin (Metropol Verlag) 2000.
Auf den Seiten des Jüdischen Museums Berlin kann man eine spannende Diskussion zum „März 68“ ansehen:
https://www.jmberlin.de/diskussion-polnische-perspektiven
Zum Antisemitismus in Polen allgemein informiert die Bundeszentrale für politische Bildung:
