„Das ist ein Alef!“ – doppelte Buchpremiere in Köln

Schieferbruchstück und Limonadeetikett

Man hielt sie für Abfall, die Schieferbruchstücke, die bei der Ausgrabung des mittelalterlichen jüdischen Viertels in Köln in großer Anzahl zu Tage kamen. Bis jemand ein verschmutztes Stück wusch und darauf Ritzungen entdeckte: hebräische Buchstaben. Rund fünfhundert beschriftete Tafeln sind inzwischen geborgen, der größte bisher bekannte Fund dieser Art aus dem Mittelalter. Die Judaistin Elisabeth Hollender und ihr Team an der Frankfurter Goethe-Universität untersuchen Namenslisten, Zeichnungen und Schreibübungen. Sogar ein Stück einer Rittererzählung ist darunter, einer der ältesten überlieferten altjiddischen Texte.

Mich haben diese Schieferbruchstücke nicht mehr losgelassen, und so ist – mit der Unterstützung durch ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds – ein ganzer Gedichtzyklus entstanden. 

In meinem Gedicht „Zerstörungshorizont“ heißt es:

mit den Fingerspitzen ziehen wir sie ans Licht
die Dinge von Menschen, die wir nie kennen werden:
eine Tonscherbe, ein verbogenes Stück
Metall, eine Zahnbürste aus Holz,
ein Anti-Atomkraft-Sticker und jede Menge
Schieferbruch – Abfall
Rachel greift hinein:
Das ist ein Alef! 

Mein Mann Frank Olbert, früher Feuilletonchef des Kölner Stadt-Anzeiger, hat sich zur selben Zeit mit der Geschichte dieses Viertels beschäftigt. Und natürlich haben wir viel darüber geredet. So stehen Essay und Lyrikband miteinander im Dialog. Wie das klingt, möchten wir bei der Premierenlesung hörbar machen.

Dabei graben wir uns durch die Schichten zweier Ausgrabungen. Denn für mich bedeutet die Auseinandersetzung mit jüdischem Erbe immer auch eine Spurensuche in meiner eigenen Familiengeschichte. Da gibt es dieses Limonadeetikett, das ich nach dem Tod meines Vaters in seiner Brieftasche fand. Er hat es mir nie gezeigt. Was hatte es damit auf sich?

Zwei Fundstücke also, ein Schieferstück und ein Limonadeetikett, und zwei Geschichten, die wir an diesem Abend freilegen.

Die Geschichte hinter dem Schieferstück beginnt im Jahr 321, in dem Kaiser Konstantin verfügte, dass Juden in Köln in den Rat berufen werden konnten. Es ist die erste Erwähnung von Juden in dieser Stadt. Den dramatischen Knotenpunkt bildet das Pestpogrom in der Bartholomäusnacht 1349, als ein Mob das jüdische Viertel stürmte, die Häuser in Brand setzte und die Bewohner ermordete oder vertrieb. Für die Menschen von damals war es eine Katastrophe. Was danach als Schutt in die Keller verfüllt wurde – darunter die beschrifteten Schiefertafeln-, gibt Archäologen, Historikerinnen und Judaisten heute einen einzigartigen Einblick in den Alltag des 14. Jahrhunderts.

Wie der christliche Antijudaismus des Mittelalters zu einer machtvollen Klammer wurde, die eine zunehmend auseinander treibende Gesellschaft zusammenhielt, zeichnet Franks Essay am Beispiel Kölns und weiterer Orte nach. Wie sich solche Denkmuster in die Sprache eingraben, legen meine Verse frei.

Vor allem beschäftigt uns, wie sich diese Ideologie auf die Menschen auswirkte. Wir werden die Geschichte von Hannah erzählen, die im Kerker landete, weil ihr Mann, der Geldleiher Simon von Siegburg, zum Streitobjekt zwischen Erzbischof und Stadt geworden war. Wer über die Kölner Juden herrschen durfte, war zwischen beiden seit Langem umstritten.

Nach der Vertreibung aus Köln im Jahr 1424 fanden manche Kölner Juden gleich gegenüber in Deutz Zuflucht. Viele zogen weiter nach Osten, wie zahlreiche aschkenasische Familien in jenen Jahrhunderten bis nach Polen, wo der König ihnen eine Rechtssicherheit gewährte, wie es sie im damaligen Europa selten gab.

Jahrhunderte später führte der Weg zurück. Meine Eltern und ich mussten Polen 1968 wegen einer antisemitischen Kampagne verlassen und kamen über Israel nach Deutschland. Davon erzähle ich in meinem Roman „Aga“. Die „Schieferbruchverse“ führen diese Recherche fort und erkunden die Dokumente, auf die ich gestoßen bin: die Einträge in der Łódzer Einwohnerkartei, einen Einlieferungsbeleg des Konzentrationslagers Buchenwald und eben auch das Etikett der Limonade, die mein Großvater braute. Wie mich die Spurensuche in meinen Familiendokumenten zu meinen Wurzeln und letztlich nach Köln führt, werde ich an diesem Abend erzählen.

Der Bogen in die Gegenwart spannt sich zweifach. Dass der mittelalterliche Antijudaismus im heutigen Antisemitismus fortlebt, haben der 7. Oktober 2023 und die weltweiten Reaktionen darauf vor Augen geführt. 

Dass eine Stadt sich dieser Geschichte stellen kann, zeigt der Bau des MiQua.

Am 12. November stellen wir beide Bücher in Köln vor, nur wenige Gehminuten von der Stelle entfernt, an der die Schieferstücke mehr als sechshundert Jahre im Boden lagen.

Buchpremiere „Schieferbruchverse“ und „Das verschwundene Viertel“
Donnerstag, 12. November 2026, 19 Uhr, Interim der Zentralbibliothek Köln,
Hohe Straße 68–82, 50667 Köln
Eintritt 8 Euro, ermäßigt 6 bzw. 4 Euro.
Eine Veranstaltung des LiteraturinKölnArchivs (LiK) in Kooperation mit der Buchhandlung Klaus Bittner und der Germania Judaica – Kölner Bibliothek zur Geschichte des Deutschen Judentums e.V.

Papierschiff

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