Das „Gerücht von den Juden“ (Adorno) hat die Kirche über zwei Jahrtausende verbreitet und immer weiter ausgeschmückt. So wundert es nicht, dass kirchliche Feiertage wie der Karfreitag zu einem häufigen Termin für Pogrome wurden, wie der Historiker Alfred Haverkamp feststellte. Die Liturgie insbesondere dieses Tages mobilisierte gezielt antijüdische Ressentiments.
Zur antijüdischen Propaganda gehörte die Demütigung der Synagoga — jener allegorischen Frauengestalt, die das Judentum verkörpert und die am Portal der Trierer Liebfrauenkirche zu sehen ist: geblendet, besiegt, von der Ecclesia überwältigt. 1349 holte diese Bildsprache die Trierer Juden ein. Die gesamte Gemeinde wurde ermordet. Und sie waren nicht die Einzigen. In den Jahren 1348 bis 1352 zog die Pest durch Europa und tötete mehr als ein Drittel der Bevölkerung — doch für die jüdische Minderheit kam die tödlichste Bedrohung nicht von der Krankheit selbst. Da man die Ursache der gewaltigen Epidemie nicht verstand, erfand man eine Verschwörungserzählung, die zur bekannten kirchlichen Rhetorik passte: Der Mord an Jesus sei nur der Anfang gewesen; nun hätten die Juden sich zur Ermordung aller Christen verschworen und vergifteten die Brunnen. Unter Folter erpresste Geständnisse wanderten von Stadt zu Stadt. Die Pogromwelle, die aus diesem mittelalterlichen Vorläufer der Weltverschwörungslegende entstand, bezeichnete Haverkamp als „sicherlich den tiefgreifendsten Einschnitt in der Geschichte des deutschen Judentums von den Anfängen der Ansiedlung bis zur nationalsozialistischen ‚Endlösung‘“.
Erst 1965 nahm der Vatikan die Behauptung zurück, die Juden trügen die Schuld am Tod Jesu — und anerkannte dabei, dass Jesus selbst Jude war, wie seine Apostel.
Nach zwei Jahrtausenden antijüdischer Propaganda ist es nicht überraschend, dass die feindselige Haltung gegenüber dem Judentum in unserer Kultur tief verwurzelt ist. Was nötig ist, ist sie zu erkennen, auch da, wo sie sich in scheinbar nebensächlichen Bemerkungen, Bildern oder in Behauptungen versteckt, die an die alten judenfeindlichen Legenden von Ritualmord und großer Verschwörung gegen ein Volk oder gleich die ganze Welt anknüpfen. Nur wenn wir es erkennen und benennen, können wir dieses unselige Erbe zum Guten wenden.
Das Gespräch hat gerade erst begonnen.
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Quelle:
Alfred Haverkamp, „Die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes im Gesellschaftsgefüge deutscher Städte“, 1981. Auch enthalten in: Haverkamp, Alfred u.a. (Hrsg.): „Verfassung, Kultur, Lebensform“. Mainz 1997, S. 223-297
Foto: Collage mit zwei Details des Portals der Liebfrauenkirche in Trier, fotografiert und erstellt von Agnieszka Lessmann.

